René Mense – Arrangeur


 

 

Hirten- und Minnelieder

Par desous l´ombre d´un bois
  
Mit Jehan de Braine  (ca.1195 - 1240) tritt uns ein dem nordfranzösischem Hochadel entstammender Trouvère entgegen, der sein politisch bewegtes Leben in einem Kreuzzugsunternehmen lassen musste.

  Drei Lieder sind von ihm überliefert, darunter Par desous l´ombre d´un bois ("Im Schatten des Gehölzes"). Das Lied gehört zur Gattung der Schäferidyllen (Pastourelle).

  Wie immer in diesen Liedern ist es ein Ritter von hohem Geschlecht, der ein einfaches Schäfermädchen trifft. In diesem Fall ist es Winter und die Hirtin spielt auf der Flöte eine klagende Melodie von Robecon und Garinet, das sind andere Namen für Robins und Marion.

  Der hohe Herr (sie nennt ihn "Sire") beginnt nun heftig um das Mädchen zu werben, in dem er ihr verspricht, sie in kostbare Gewänder zu hüllen und gar zur Herrin auf seinem Schloss zu machen, wenn sie ihm nur folgt. Zu seinem großen Unglück lehnt das Mädchen seine Angebote hartnäckig ab, denn zu viele Männer haben ihr bereits Versprechungen gemacht und nicht gehalten. Lieber will sie weiter mit dem Hirtenjungen, den sie liebt, in Armut leben.

Notenbeispiel (PDF) Cembalo

Robins m´aime
  
Die Melodie des Liebesliedes Robins m´aime ("Robins liebt mich") ist anonym überliefert und geht auf das 12. Jahrhundert zurück. Sie gehört zu einer größeren Gruppe von Liedern, die dem Liebeswerben und -spiel der Schäferin Marion und des Ritters Robins gewidmet sind. Damit gehören diese Stücke zur Gattung der Pastourelle.

  Zu nachhaltiger Bekanntheit und Beliebtheit gelangte die Geschichte des Paares gegen Ende des 13. Jahrhunderts. Vermutlich in Neapel  im Jahre 1282 verfasste der hochgeachtete französische Komponist Adam de la Halle (Adam le Bossu, 1250 - 1306?) sein Jeu de Robins et Marion. Durch die kunstvolle Verbindung von Schauspiel und Musik gilt das Werk in gewisser Weise als erste "opéra comique" der Musikgeschichte.

  Der Autor war nicht nur Komponist, sondern als ein "ménéstrel" (Spielmann) zugleich aktiv an der Aufführung beteiligt. Ein ménéstrel war Sänger, Tänzer, Mime, Schauspieler und Instrumentalist in einem. Darüber hinaus war de la Halle ein "maître", d.h. er war ein in den seit der griechischen Antike überlieferten septem artes liberales (sieben freie Künste) ausgebildeter Geistlicher. Dieser hohe Ausbildungsstand ermöglichte es de la Halle, die alten Melodien in zum teil völlig neuer Art und Weise zu vertonen.

  Neben der herkömmlichen Art, die Melodien von Instrumenten "colla parte" (s. Vorwort) in nicht metrisch gebundener Rhythmik begleiten zu lassen führte er eine neue polyphone Weise des Tonsatzes ein. Es handelt sich dabei um dreistimmige Vokalsätze, in denen zu den überlieferten Melodien zwei weitere Stimmen erklingen. Alle drei Stimmen wurden nach der damals neuesten Notationsform, der so genannten Mensuralnotation komponiert. Das neuartige ist, dass verschieden lange Notenwerte in der Schrift wiedergegeben werden können, wodurch das Feld tatsächlich mehrstimmiger Musik erstmals eröffnet ist. Diese dreistimmigen Motetten bilden eine wesentliche Grundlage für die neue Musik der nachfolgenden Epoche, der ars nova.

Notenbeispiel (PDF) Gitarre
Notenbeispiel (PDF) Cello

La dolce vois del roisignor salvage
  Ein überaus berühmter Trouvère der Generation vor Jehan de Braine war ein gewisser Li Chastelain de Coucy, von dem man annimmt, dass er identisch mit Gui, dem Richter und Verwalter des Schlossbezirkes von Coucy in der südlichen Pikardie war. Er starb 1203 ebenfalls auf einer Kreuzfahrt ins heilige Land und wurde später bekannt als ein Held namens Renaut in einer abenteuerlichen Dichtung.

  Die fünf achtzeiligen Strophen des Liedes La dolce vois del roisignor salvage ("Die süße Stimme der wilden Nachtigall") belegt eindrucksvoll das hohe dichterische Können des Chastelain de Coucy: Der betörende Gesang der wilden Nachtigall bringt auch den Dichter  zum Singen. Viele Zeilen lang scheint es, dass die Stimme der Nachtigall selbst die Angebetete ist. Nach und nach wird hingegen deutlich, dass ihr Gesang nur der Anlass für den Dichter war, zu künden von der hohen Dame, die unerreichbar für ihn ist.

Notenbeispiel (PDF) Gitarre
Notenbeispiel (PDF) Cello

Voici le mai
  
Der Beginn des Frühlings hat die Menschen zu allen Zeiten zu Tanz und Gesang inspiriert. Viele Bräuche wie das Aufstellen eines Maibaums oder die Wahl einer Maikönigin haben sich bis heute erhalten. Ebenso wurden zahlreiche Melodien überliefert, die in den Zusammenhang der Maifeiern gehören, so auch das vorliegende Voici le mai ("Der Mai ist gekommen").

  Eine junge Frau singt darin davon, wie sie im väterlichen Garten voll Glück drei Blumen pflückt und zum Kranz bindet. Sie bezeichnet sich als Geliebte des Mai, der ihr den Sinn verwirrt. Die mehrfache Wiederkehr der Zeile "Der Mai ist gekommen, der liebliche Mai / Verwirrt ist mein Sinn" lässt vermuten, dass das Lied als Rundgesang von verschiedenen Sängerinnen gesungen wurde.

Notenbeispiel (PDF) Cembalo

Por coi me bait mes maris?
  
Unter den ausdrücklich von Frauen vorzutragenden Liedern hat sich im 12. Jahrhundert im Norden Frankreichs eine besondere Gattung herausgebildet, die der mal mariée. Das sind die unglücklich verheirateten Frauen, die in zuweilen recht derber Form darüber klagen, was ihr hoher Herr ihnen angetan hat.

   In dem hier ausgewählten Lied fragt die Frau, warum ihr Mann sie geschlagen hat, obwohl sie niemals auf üble Nachrede sann. Nicht willens das hinzunehmen ruft sie kurzentschlossen ihren Geliebten, um nackt bei ihm zu ruhn ("Avec mon amin geirei/ Nuette). Nun hätte ihr Mann einen triftigen Grund, sie zu schlagen, wenn er denn davon wüsste...

Notenbeispiel (PDF) Cembalo
Notenbeispiel (PDF) Gitarre
Notenbeispiel (PDF) Cello

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